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Zelte gegen Kälte

  • 20/11/2005, Lübeck

  • Im Winter liegen deutsche Baustellen meistens still. Mit dänischem Know-how sollen Eigenheime künftig auch bei Eis und Schnee entstehen.

 
Wenn das Thermometer unter Null fällt, herrscht Stillstand auf deutschen Baustellen. Viele Baustoffe können nur bei Temperaturen über fünf Grad Celsius verbaut werden, und Beton bindet bei Frost nicht mehr ab. Viele Firmen im Bauhauptgewerbe stellen die Arbeit fast komplett ein. 350 000 bis 400 000 Beschäftigte der Branche werden jedes Jahr im Januar und Februar arbeitslos.

Technische Lösungen gegen die Kälte setzen bisher vor allem Großunternehmen der Bauindustrie ein. Eine der bisherigen Anwendungen für Großprojekte wird seit diesem Winter auch für private Häuslebauer genutzt. Das niedersächsische Bauunternehmen Viebrockhaus werkelt im Winter unter haushohen Zeltdächern. "Die Idee hatten wir schon lange. Während des Baus der Öresundbrücke wurde sie konkreter. Diese war durch Planen verhüllt, die auch gewaltigen Winden ausgesetzt und dennoch haltbar waren", berichtet der Geschäftsführer von Viebrockhaus, Wolfgang Werner. Damals reifte der Entschluss, das Verfahren auch in Deutschland zu erproben.

Die Niedersachsen kontaktierten die Brückenverhüller, die dänische Zeltbaufirma Jonsereds. Gemeinsam konstruierten beide neue Bauzelte für den Eigenheimbau. Nach der Entwicklung lief in diesem Sommer eine Testphase. Sieben norddeutsche Eigenheime wurden unter frostfesten Planen errichtet und die Hüllen nach der Praxiserprobung optimiert. Nach diesen Erfahrungen haben die Niedersachsen 72 Zelte in Skandinavien bestellt, sie wollen sie ab Dezember einsetzen. Mit einem Kran wird die Zeltkonstruktion auf der Baustelle aufgestellt. Binnen zwei Tagen ist der Bauplatz unter weißen Kunststoffhüllen verschwunden. Mit Dieselmotoren betriebene Heizstrahler temperieren den Innenraum. "Der Clou an der Konstruktion ist die Beweglichkeit. Das Zelt sitzt auf Schienen und kann von zwei Mitarbeitern in einer halben Stunde geöffnet werden", erklärt Werner.

Mehrkosten entstehen den Bauherren nicht. Ihre Eigenheime stehen nicht nur im Warmen, die Baustellen sind auch vor Feuchtigkeit geschützt. Nach durchschnittlich drei Monaten Bauzeit fallen die Hüllen, die Zelte werden zum nächsten Einsatzort transportiert.

Großunternehmen der Bauindustrie verwenden solche Baustellenzelte schon lange. "Vor allem bei Termindruck werden Hochbauten unter Planen eingehaust", erklärt der Chefvolkswirt des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Heiko Stiepelmann. Oft ist die Arbeit in der Kälte jedoch eine Kostenfrage. "Etwa fünf bis sechs Prozent Mehrkosten werden fällig", schätzt Stiepelmann. Bei knapp kalkulierten Aufträgen sei deshalb der beheizte Bau in der Kälte kaum machbar.

Neben der Kälte ist die Winterpause auch den Überkapazitäten geschuldet. "Das zeigt sich schon darin, dass die Winterarbeitslosenquote in Ostdeutschland doppelt so hoch ist wie in Westdeutschland", erklärt der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Gewerkschaft IG Bau, Norbert Ewald. Die Rationalisierungsgemeinschaft Bau in Eschborn hatte 2001 eine Studie über das Bauen im Winter in anderen europäischen Ländern angefertigt. Das Kanzleramt, die Gewerkschaften und die Arbeitgeber hatten die Recherche in Auftrag gegeben mit dem Ziel, die saisonale Arbeitslosigkeit am Bau deutlich zu reduzieren.

"Vor allem in Schweden haben wir verblüffende technische Lösungen kennengelernt", berichtet der Co-Autor der Winterbau-Studie, Hans Mahlstedt. So wird dort mit vorgewärmtem Beton gearbeitet, und in die Betonmischungen werden Heizdrähte eingebaut. Selbst die Tiefbauer arbeiten bei Minusgraden ohne Kältepausen. Der wichtigste Baustoff im nordischen Wohnungsbau ist Holz, selbst bei vierstöckigen Gebäuden. Das Material muss zwar vor Nässe geschützt werden, ist aber nicht kälteempfindlich. Die meisten Baustellen in Schweden und Dänemark werden abgedeckt. Die niederländische Bauindustrie dagegen setzt auf flexible Abläufe. Bei schlechtem Wetter werden Arbeiten nach innen verlagert.

In Deutschland wurden solche Ideen aus ganz Europa allerdings wegen der Konjunkturkrise kaum aufgegriffen. Doch die Arbeit im Winter kann sich lohnen, wie das Beispiel Viebrockhaus zeigt. "Wir werden in diesem Jahr unseren Umsatz durch den Bau im Winter um ein Fünftel auf 300 Millionen Euro steigern", erklärt Wolfgang Werner. Bis 2004 hatte die Firma von Anfang Dezember bis Ende Februar keine Eigenheime gebaut. 120 Maurer und Betonarbeiter behalten nun auch nach Weihnachten ihre Stellen. Und viele Häuslebauer können früher ins Traumhaus ziehen.